Aktuelles

 

Shitstorm und TV: Ich kommentiere, also bin ich

17.06.2016 / PublikationenMittendrin statt nur dabei: Kaum ein Ereignis im Fernsehen bleibt heutzutage in den Social Media unkommentiert, diskutiert und vor allem auch kritisiert. Christian Salzborns Gastbeitrag zum Phänomen "Shitstorm".

Als Kim Hnizdo im Mai das Finale von „Germanys Next Top Model“ (GNTM) gewann, bescherte sie dem Sender Pro7 nicht nur die besten Einschaltquoten seit geraumer Zeit, sondern sorgte ebenso für viel Betrieb auf Plattformen wie Facebook und Twitter. Weit über 17.000 Kommentare liefen parallel zur Ausstrahlung über die Timelines. #GNTM und #GNTMFinale waren kurzzeitig weit oben in den Top-Tweets Deutschlands.

Dabei ist „Germanys Next Top Model“ nur ein Beispiel von vielen. Von der Castingshow bis zur Europameisterschaft: Kaum ein Ereignis im Fernsehen bleibt heutzutage in den Social Media unkommentiert, diskutiert und vor allem auch kritisiert. 

Kommentierung fester Bestandteil des Fernsehkonsums

Während früher die Zuschauer vor allem vor (sic!) dem Fernsehen Lob und Häme äußerten, unhörbar für die breite Öffentlichkeit, sind die digitalen Feedbacks mittlerweile eine fester Bestandteil des Fernsehkonsums geworden.

„Sendungen des linear ausgestrahlten Fernsehens entwickeln sich auch auf den Plattformen der sozialen Netzwerke immer mehr zum Renner. 10,1 Millionen Twitter-Tweets und Facebook-Einträge beschäftigten sich im Jahr 2015 mit dem Fernsehen, im Jahr 2014 waren es 5,8 Millionen, 2013 noch knapp 2,4 Millionen. "Tatort" und "Polizeiruf 110" halten dabei die Spitzenposition mit gut 750.000 Nennungen im Netz, […]“ (Quelle: Heise.de)

Das Fernsehen als Medium zur „Gewährleistung freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung“ (BVerfG) wird um eine digitale Komponente erweitert, die auch eine teils ausufernde Feedbackkultur mit einschließt. Die Erkenntnis, dass dabei das reine ‚Auszählen‘ der Einschaltquote nicht mehr aussagekräftig ist, setzt sich in den Fernsehanstalten und Medieninstitutionen langsam durch, wie Nielsen in Amerika zeigt:

Künftig ermittelt das US-Marktforschungsinstitut auch, wie intensiv in sozialen Netzwerken über Fernsehsendungen diskutiert wird - und nicht mehr nur, wie viele Menschen eine Sendung tatsächlich gesehen haben. Die sogenannten "Social Content Ratings" sollen Reichweite und Einfluss von Fernsehsendungen in Zahlen fassen. Einbezogen werden Unterhaltungen, die auf Facebook und Twitter stattfinden, zu einem späteren Zeitpunkt könnte auch der Foto-Dienst Instagram integriert werden.

Die Auswirkungen der Kommentare auf das Rezeptionsverhalten und die Zuschauer sowie ein zunehmender Kontrollverlust (vgl. Pörksen 2012) der Sender über ihre Inhalte wirft dabei neue Fragen auf: Wie ist mit den oft kritischen Kommentaren umzugehen? Welche Auswirkungen haben diese auf unser Rezeptionsverhalten und die individuelle wie gesellschaftliche Meinungsbildung? Was zählt mehr, was bleibt „hängen“ – die Inhalte im Fernsehen oder die Kommentare in den Social Media?

Wenn Kommentierungen die neue Quote sind

Der Absatz der internetfähigen Fernsehgeräte hat sich jüngsten Statistiken zufolge von 2011 bis 2014 mehr als verdoppelt. Den ehemals passiven Rezeptionsgewohnheiten folgt ein ‚aktiver‘ Zuschauer, dessen Handlungsoptionen über die reine Senderwahl hinausgehen. Die Medienkonvergenz, also die Verschmelzung verschiedener Medien bzw. Kommunikationskanäle auf der technischen, der inhaltlichen, und der Nutzungsebene, hat eine neue Form des Zuschauens und Zuschauers etabliert. Der Zuschauer wird durch seine Kommentare ‚Teil‘ der Sendung. Er greift zwar nicht aktiv ein, ist aber mit tausend anderen ‚mitten im Geschehen‘; individuelle Partizipation als Teil einer (Seh-)Community.

Shitstorm TV

Die Fernsehanstalten halten sich bisher mit ihren Reaktionen auf die Kommentierungen zurück. Ein (nichtrepräsentativer) Überblick über die Kommentarspalte bei #GNTM und #DSDS zeigt, dass Sender wie Pro7 oder RTL zwar aktiv mitposten, aber nur wenig und wenn überhaupt ausschließlich auf positive Kommentare der Zuschauer eingehen und diesen zum Beispiel durch ‚Likes‘ oder ‚Retweets‘ zu mehr Popularität verhelfen wollen. Natürlich kann ein Sender nicht auf jeden Kommentar eingehen; ein Problem, das generell in der (Krisen-)Kommunikation im Netz bekannt ist (vgl. Salzborn 2015); jedoch werden auch klar verunglimpfende Inhalte weder beantwortet noch gemeldet. Dass vor allem diese letztlich in der Berichterstattung zu den Sendungen wieder auftauchen und der Shitstorm ein treuer journalistischer Begleiter wird, überrascht daher nicht mehr. Schier unerschöpflich ist das Nachrichtenwertpotenzial an negativen Kommentaren für die Journalisten. Beispiel GNTM:

·       Shitstorm gegen Jasmin und Fata
·       Nach GNTM-Finale: Heftiger Instagram-Shitstorm gegen "Honey“

Oft bleiben in den Google-Trefferlisten und damit dem digitalen Gedächtnis des Netzes am Ende nur noch der Shitstorm und nicht die Inhalte und Botschaften der eigentlichen Sendung übrig. Instrumente der Krisenkommunikation, wie sie schon lange bei Unternehmen etabliert sind (Stichwort u.a. Monitoring und Community-Management) können den Sendern helfen, mit den Kommentaren umzugehen und diese auch als Chance für kommende Programmplanungen und neue Staffeln zu nutzen. In jedem Shitstorm steckt auch eine Chance für Veränderungen.

Denn  „The Show must go on.“ – Nicht der Shitstorm.

Literatur

Pörksen, Reinhard; Detel, Hanne (2012): Der entfesselte Skandal – Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter; Herbert von Halem Verlag, Köln

Salzborn, Christian (2015): Phänomen Shitstorm - Herausforderung für die Onlinekrisenkommunikation von Unternehmen; Universität Hohenheim [Dissertation].

Der Autor

Dr. Christian Salzborn erhielt sein Diplom zum Medienwissenschaftler 2009 an der TU Ilmenau. Nach dem Studium arbeitete er zunächst im Bereich „Finanzpresse/ Investor Relations“ der Porsche SE. Im Rahmen seiner Doktorarbeit zum Phänomen Shitstorm wechselte er 2011 zur Onlinekommunikation der Daimler AG. Heute verantwortet er bei smart (Daimler AG) Kooperationen und Product Placement-Projekte.